Gildegericht verhandelt kuriose Anschuldigungen

09.06.2019
Mutter und Tochter waren angeklagt, das Gildefest nach München verschleppen zu wollen.
Mutter und Tochter waren angeklagt, das Gildefest nach München verschleppen zu wollen.
 © dr

Wildeshausen – „Gesetzestexte sind für uns lediglich Rahmenbedingungen“ – unter diesem Motto von Richter Otto Böttcher (81) tagte das Hohe Gericht der Wildeshauser Schützengilde am Sonntag vor dem historischen Rathaus. Neben Böttcher hatten Uwe Gropp, Carsten Kloster, Peter Decker und Thorsten Wawrzinek einiges abzuurteilen, denn die Wache führte ständig neue Personen vor, die sich im Getümmel auf dem Handwerkermarkt auffällig benommen hatten oder einfach nur ungewöhnlich aussahen.

So wie Mutter und Tochter aus Bayern, die in Tracht an den Ständen vorbeiliefen. Ehe sie sich versahen, wurden sie von der Wache festgenommen und den Richtern vorgeführt. Der Vorwurf lautete, dass sie planten, das Gildefest nach München zu verschleppen.

Doch damit wollte sich Böttcher zunächst gar nicht befassen: „So etwas zieht man hier nicht an“, kritisierte er die Kleidung.

Die Münchnerin war jedoch nicht auf den Mund gefallen. „Du hast ja auch eine Tracht an“, konterte sie. „Das ist Dienstkleidung“, entgegnete Kloster, der dann kurzerhand als Verteidiger ernannt wurde, dem jedoch wenig zur Verteidigung einfallen wollte. „Sie haben auf dem Gildefest nichts verloren“, fand Wawrzinek. „Ich finde, wir sollten sie mit dem Taxi nach Harpstedt befördern. Die nehmen alles.“

Dieser Mann soll dem Schaffer einen alten Schlüpfer nachgeworfen haben.
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Schon vorher hatte das Gericht mit einer „Horde von Verlierern“ zu tun. So standen vor dem Richtertisch zwei Männer mit HSV- sowie Schalke-Trikot. Dazu kamen Personen mit „undefinierbarer Kleidung“, die ebenfalls angeklagt waren, auf der Westerstraße ein Ben-Hur-Rennen veranstalten zu wollen. „Ohne Pferd und Wagen“, lachte Böttcher. „Da ist es ja keine Frage, dass das Verlierer sind.“

Kloster wollte die „Horde von fehlgeleiteten Dauerlosern“ per Massenverhaftung fortschaffen, doch eine Frau ließ sich darauf nicht ein. Sie bekam deshalb nach ihrer Widerrede einen Schnaps, einen Freispruch und die Feststellung: „Ich kann eigentlich nicht verstehen, wie man mit dieser großen Klappe unschuldig sein kann.“

Die schlimmste Anschuldigung brachte Dirk Böhler von der Wache gegen einen Mann vor, den er dabei beobachtet haben wollte, wie er dem Schaffer einen Schlüpfer nachgeworfen hatte. „Er hat sich beim Schaffer für die vergangene Nacht bedankt“, ereiferte sich Böhler.

„Du kleiner Schmuddelkopf“, wurde der Angeklagte von Böttcher begrüßt, und als er hörte, dass der Schlüpfer noch vom Gildefest 2018 stammen würde, war klar, dass die Sache mit der Höchststrafe geahndet werden musste. 

Die „Horde von fehlgeleiteten Losern“ trug unter anderm Trikots von Schalke und HSV.
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Diese lautet traditionell, dass der Verurteilte am Pfingstmontag um 9 Uhr gebadet auf dem Burgberg erscheinen soll. Die Kleidung ist unerheblich, da sie ohnehin angezündet wird. Der Delinquent wird auf das Rad gebunden und in den Burgsee gerollt. Ein schreckliches Todesurteil, so sollte man meinen. Aber nicht für alle, denn die Münchnerin nahm diese Drohung mit Humor: „Danach gibt es ja eine Auferstehung.“